{"id":234263,"date":"2010-11-27T00:00:00","date_gmt":"2010-11-26T23:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/mppu.org\/deutsche-aussohnungspolitik-als-modell-50-jahre-deutsch-israelische-beziehungen-wie-aus-gegnern-freunde-wurden\/"},"modified":"2010-11-27T00:00:00","modified_gmt":"2010-11-26T23:00:00","slug":"deutsche-aussohnungspolitik-als-modell-50-jahre-deutsch-israelische-beziehungen-wie-aus-gegnern-freunde-wurden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.mppu.org\/index.php\/2010\/11\/27\/deutsche-aussohnungspolitik-als-modell-50-jahre-deutsch-israelische-beziehungen-wie-aus-gegnern-freunde-wurden\/","title":{"rendered":"Deutsche Auss\u00f6hnungspolitik als Modell? 50 Jahre deutsch-israelische Beziehungen \u2013 wie aus Gegnern Freunde wurden"},"content":{"rendered":"<p>Dr. h.c. Johannes Gerster<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Eine sehr pers\u00f6nliche Betrachtung<\/h3>\n<p>Wir feierten im Jahr 2001 den 90. Geburtstag des legend\u00e4ren Jerusalemer Altb\u00fcrgermeisters Teddy Kollek in Tel Aviv. Das Protokoll hatte mich neben Israel Kantor gesetzt. Unsere Unterhaltung lief schleppend in Englisch. Teddy Kollek rief mir \u00fcber den Tisch zu, redet doch einmal \u00fcber Musik. Rasch stellten sich Gemeinsamkeiten heraus. Israel Kantor war Pr\u00e4sident des Chorverbandes von Israel. Als ich ihm erz\u00e4hlte, ich sei Ehrenvorsitzender des Vereins \u201eMusica Sacra\u201c am Mainzer Dom, nahm unsere Unterhaltung Fahrt auf. Und als er erfuhr, dass wir eine Konzertreise mit den Mainzer Ch\u00f6ren, mit 200 S\u00e4ngerinnen und S\u00e4ngern, durch Israel planten, sprach er pl\u00f6tzlich perfekt Deutsch.<\/p>\n<p>Diese Erfahrung machten wir Deutschen oft. Israelis mit deutschen Wurzeln taten sich schwer, nach der Shoa in der Sprache ihrer Jugend zu sprechen. Erst wenn sie zu ihrem deutschen Gegen\u00fcber Vertrauen fassten, redeten sie oft deutsch.<\/p>\n<p>Deutschland war nach der Staatsgr\u00fcndung ein wei\u00dfer Fleck auf der Landkarte Israels. Auf Deutschland lastete Verantwortung f\u00fcr die Shoa, f\u00fcr die Ermordung von sechs Millionen Juden. Deshalb ging man diesem Land aus dem Weg. In den israelischen Reisep\u00e4ssen war vermerkt: \u201eG\u00fcltig f\u00fcr alle L\u00e4nder mit Ausnahme Deutschlands\u201c.<\/p>\n<p>Umso bemerkenswerter war die Haltung von David Ben Gurion, dem Gr\u00fcndungsvater Israels. Als Regierungschef dieses kleinen Landes mit gerade einmal 700.000 Einwohnern sah er messerscharf, dass Israel im feindlichen, arabischen Umfeld nur mit Hilfe von au\u00dfen \u00fcberleben w\u00fcrde. Gegen erheblichen Widerstand erkl\u00e4rte er, er glaube an ein neues Deutschland. Das millionenfache Leid des j\u00fcdischen Volkes k\u00f6nne nicht wieder gut gemacht werden. Aber die Deutschen k\u00f6nnten das j\u00fcdische Volk in seinem erneuten \u00dcberlebenskampf unterst\u00fctzen. Also doch: Wiedergutmachung. Ben Gurion war Idealist, Vision\u00e4r und Realist.<\/p>\n<p>Der zehn Jahre \u00e4ltere erste deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer hatte bereits 1951 im Deutschen Bundestag die moralische Pflicht des deutschen Volkes betont, dem j\u00fcdischen Volk beim Ausbau des Staates Israel zu helfen. Adenauer war f\u00fcr Ben Gurion glaubw\u00fcrdig, weil ihn die Nazis 1933 als K\u00f6lner Oberb\u00fcrgermeister, zugleich Pr\u00e4sident des preu\u00dfischen Staatsrates, aus allen \u00c4mtern hinaus geworfen hatten. Wiedergutmachung war im zerst\u00f6rten Nachkriegsdeutschland unpopul\u00e4r. F\u00fcr Adenauer war Hilfe f\u00fcr Israel jedoch ein moralisches Gebot. Auch wusste er, dass die Auss\u00f6hnung mit Israel den Deutschen die Tore zur Welt \u00f6ffnen w\u00fcrde. Auch Adenauer war Idealist, Vision\u00e4r und Realist.<\/p>\n<p>Bereits 1952 wurde das Luxemburger Abkommen, ein Milliardenpaket, zwischen Deutschland und Israel unterzeichnet. Zuvor hatten die Israelis gebeten, auf den \u00fcblichen Handschlag zwischen den Vertragspartnern zu verzichten. Dies w\u00fcrde ansonsten in Israel ein politisches Erdbeben ausl\u00f6sen.<\/p>\n<p>Auch ohne Handschlag explodierte in Israel beim Bekanntwerden der deutschen Zahlungen die Stimmung: \u201eKein Blutgeld aus Deutschland\u201c schrieen die Demonstranten auf den Stra\u00dfen bis in das israelische Parlament, die Knesset, hinein. Dort endete die erhitzte Debatte mit einer Schl\u00e4gerei. Auch&nbsp;&nbsp; Adenauer musste erheblichen Widerstand in der eigenen Partei brechen. Der Wiederaufbau zerst\u00f6rter St\u00e4dte und die \u00dcberwindung der t\u00e4glichen Not erschienen dringlicher als Hilfen f\u00fcr Israel. So blieben in den 1950er Jahren offizielle Kontakte aus oder fanden unter Ausschluss der \u00d6ffentlichkeit statt. Private Kontaktversuche gab es von beiden Seiten. Ansonsten ruhte der See still!<\/p>\n<p>So paradox es klingen mag, das neue Deutschland r\u00fcckte erst mit dem Eichmann-Prozess in den Fokus der israelischen \u00d6ffentlichkeit. Am 11. Mai 1960 hatte der israelische Geheimdienst den Organisator der Judentransporte in die Massenvernichtungslager, Adolf Eichmann, von Argentinien nach Israel entf\u00fchrt. In Jerusalem wurde er angeklagt. Dieser Prozess und die umfangreiche Beweisaufnahme wurden in der ganzen Welt und insbesondere in Israel und Deutschland spannungsgeladen verfolgt. Eichmann wurde wegen Verbrechen gegen das j\u00fcdische Volk, gegen die Menschheit und wegen Kriegsverbrechen zum Tode verurteilt. Diese Strafe wurde am 15. Dezember 1961 vollstreckt. Die intensive Befassung mit der Vergangenheit war f\u00fcr Israelis der Anlass, sich erstmals mit dem neuen Deutschland auseinander zu setzen. In der Bundesrepublik \u00fcberwand dieser Prozess die vorherige Verdr\u00e4ngung der Naziverbrechen. Pl\u00f6tzlich erwachte die Erkenntnis, dass die dunkle Vergangenheit Deutschland und Israel schicksalhaft miteinander verbindet.<\/p>\n<p>Zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel kam es jedoch erst im Jahr 1965.<\/p>\n<p>Israel entsandte als ersten Botschafter den Staatssekret\u00e4r im Verteidigungsministerium Asher Ben Nathan. Zuvor hatten mehrere Diplomaten des israelischen Au\u00dfenministeriums sowie Intellektuelle und Universit\u00e4tsprofessoren es abgelehnt, nach Deutschland zu gehen. Asher Ben Nathan dagegen stand voll hinter den fr\u00fchen Aussagen Ben Gurions: \u201eDas Deutschland Adenauers ist nicht das Nachfolgeregime der Nazis\u201c und \u201eIch lehne eine Kollektivschuld der Deutschen ab\u201c. Zugleich sprach Ben Nathan von einer heiklen Mission, die er dann vier Jahre lang meisterhaft bew\u00e4ltigte.<\/p>\n<p>Die Bundesrepublik entsandte den Leiter der Wirtschaftsabteilung im Ausw\u00e4rtigen Amt, Rolf Friedemann Pauls, nach Tel Aviv. Als dessen Wagen beim Staatspr\u00e4sidenten vorfuhr, warfen w\u00fctenden Demonstranten mit Steinen. Sch\u00e4tzungsweise die H\u00e4lfte der Israelis wollte damals keine Vertreter Deutschlands in Israel akzeptieren. Der Protest richtete sich auch gegen die Person Pauls, der als ehemaliger Offizier der Wehrmacht auf besondere Ablehnung stie\u00df. Das konnte Pauls in seinen drei Amtsjahren zum Positiven wenden. Israelische Zeitungen schrieben zum Ende seiner Amtszeit: \u201eWir haben Pauls mit Steinen empfangen und mit Blumen verabschiedet.\u201c<\/p>\n<p>Im Alter von 16 Jahren lernte ich den ersten Israeli kennen. Er war ein in Mainz geborener Jude, dem meine Eltern im Dritten Reich zur Flucht aus Deutschland verholfen hatten. Ich erinnere mich noch heute an die Herzlichkeit, ja Herzensw\u00e4rme unseres israelischen Gastes und seine fast schw\u00e4rmerische Schilderung seiner Jugendzeit in Mainz. Dieser Mann liebte seine Geburtsstadt, durch die er von deutschen und auch Mainzer Nazis vertrieben worden war, auch nach harten Jahren der Flucht und des Leidens. Sp\u00e4ter erlebte ich in Israel: Die deutschen Opfer der Shoa waren die besten Br\u00fcckenbauer nach Deutschland. Viel distanzierter waren die orientalischen Juden, die keine Deutschen kannten und nicht zwischen b\u00f6sen und guten Deutschen unterscheiden wollten.<\/p>\n<p>1967 gr\u00fcndete ich mit Gleichgesinnten eine Arbeitsgemeinschaft der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Nach meiner ersten Wahl in den Bundestag im Jahre 1972 wurde ich sofort stellvertretender Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe. Mein Interesse an Israel wuchs weiter, wobei regelm\u00e4\u00dfige Israelbesuche und die Betreuung israelischer Staatsg\u00e4ste in Bonn immer mehr Raum einnahmen. Dabei wurden mir, je \u00f6fter und l\u00e4nger ich mit israelischen Kollegen redete, zwei Botschaften \u00fcbermittelt:<\/p>\n<p>\u201eDu bist zu jung, um f\u00fcr die Verbrechen der Nazis verantwortlich zu sein.\u201c Der Satz Ben Gurions, es gebe keine Kollektivschuld, war bei vielen angekommen. \u201eWir k\u00f6nnen vergeben, aber nicht vergessen, was zwischen 1933 und 1945 geschehen ist.\u201c Diese Feststellung wird noch heute von der gro\u00dfen Mehrheit der Israelis geteilt.<\/p>\n<p>Jeder Besuch in Israel machte deutlich, dass das Interesse der politischen Klasse an Deutschland wuchs, w\u00e4hrend die Vorbehalte gegen\u00fcber Deutschland bei dem Mann auf der Stra\u00dfe anhielten. In dieser Zeit verweigerte der Sprecher der Knesset, dessen Familie in der Nazizeit weitgehend ausgel\u00f6scht worden war, jedem Deutschen den Handschlag. Ich respektierte dieses Verhalten, setzte aber auf diejenigen, die zur Zusammenarbeit bereit waren. Es entstand die erste kommunale Partnerschaft Wuppertal \u2013 Ber Sheva, weitere folgten. Es gab zunehmend wissenschaftliche Austauschprogramme zwischen deutschen und israelischen Universit\u00e4ten, der Jugendaustausch wurde begonnen und ausgebaut.<\/p>\n<p>Diese noch vorsichtige Ann\u00e4herung erfuhr R\u00fcckschl\u00e4ge. Im Yom Kippur Krieg 1973 blockierte die Bundesregierung die Lieferung von Waffen und Versorgungsmitteln aus den USA \u00fcber die deutschen H\u00e4fen und Nato-Flugpl\u00e4tze. Die \u00e4gyptische Armee stand 60 km vor Tel Aviv, Israel war in gr\u00f6\u00dfter Not und Deutschland verhinderte den milit\u00e4rischen Nachschub. Die Quittung erhielt der sp\u00e4tere sozialdemokratische Bundeskanzler Helmut Schmidt vom konservativen Likud-Premierminister Menachim Begin. Dieser diffamierte Schmidt als Nazi-Leutnant, was in Deutschland Emp\u00f6rung ausl\u00f6ste. Es bedurfte wochenlanger Bem\u00fchungen, Wiederholungen aus Jerusalem zu unterbinden und die Ver\u00e4rgerungen in Bonn zu begrenzen.<\/p>\n<p>Es gab auch erfreulichere Begegnungen. Zu Beginn der 1980er Jahre sprach mich der Vizesprecher der Knesset, Dov Ben Meir, an, ob ich den Aufbau eines israelisch-pal\u00e4stinensischen Forums unterst\u00fctzen k\u00f6nne. Zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung gr\u00fcndeten wir den israelisch-pal\u00e4stinensischen Verein Co-Existence, der vor dem Osloer Friedensprozess Israelis und Pal\u00e4stinenser regelm\u00e4\u00dfig zu vertraulichen Treffen einlud. Leider beendeten die erste Intifada im Jahr 1987 und die damit einsetzende Gewalt diese verhei\u00dfungsvolle Arbeit. Dass aber eine deutsche Stiftung schon damals als Mittler zwischen den verfeindeten V\u00f6lkern berufen wurde, zeigt das gro\u00dfe Vertrauen gegen\u00fcber Deutschland schon in den 1980er Jahren.<\/p>\n<p>!997 beendete ich mein Politikerdasein, um f\u00fcr die Konrad Adenauer Stiftung nach Jerusalem zu gehen. Mich reizte, die Mittlerfunktion zwischen Israelis und Pal\u00e4stinensern wieder aufzunehmen und zu verst\u00e4rken. In Israel wurde ich bestens aufgenommen. Langj\u00e4hrige Freunde wie Dov Ben Meir, Adin Talbar, Teddy Kollek und Asher Ben Nathan veranstalteten Empf\u00e4nge, um mich in die israelische Gesellschaft einzuf\u00fchren<\/p>\n<p>Bereits am siebten Tag nach meiner Ankunft hatte mich Teddy Kollek \u201eeingefangen\u201c. 28 Jahre hatte er als B\u00fcrgermeister die Geschicke von Jerusalem gelenkt. Nun organisierte er als Pr\u00e4sident der Jerusalem Foundation j\u00fcdisch-arabische Projekte in der Stadt. Er zeigte mir ein Grundst\u00fcck beim ber\u00fchmten King David Hotel und erkl\u00e4rte, dass seine Stiftung dort ein Konferenzzentrum bauen wolle. Teddy Kollek war weltweit der beste Spendensammler. Deshalb redete ich ihn h\u00e4ufig mit Teddy Kollekte an. Ich kam seiner Frage, ob ich ihm Geld f\u00fcr das Projekt verschaffen k\u00f6nne, mit der Frage zuvor, was es koste, wenn dieses Zentrum nach Konrad Adenauer benannt werde. Seine Antwort: 3,5 Millionen Dollar. Im November 1999 fand die Grundsteinlegung in Anwesenheit von Helmut Kohl statt. Ich hatte in zwei Jahren \u00fcber 15 Millionen Deutsche Mark gesammelt. Im Mai 2001 weihten wir das Zentrum ein. Es wurde ein begehrtes Zentrum f\u00fcr Juden, Christen und Moslems und Ort israelisch-pal\u00e4stinensischer Begegnungen.<\/p>\n<p>Die gute Erfahrung mit dem Konrad Adenauer Zentrum machte mir Mut, das zweite, noch problematischere Vorhaben anzupacken: Wie konnten wir Israelis und Pal\u00e4stinenser f\u00fcr inoffizielle Begegnungen gewinnen? Auch hier kam uns das Gl\u00fcck entgegen. Eines Tages tauchten die Direktoren des \u201eIsrael Palestine Center for Research and Information\u201c (IPCRI) in meinem B\u00fcro auf und baten um Unterst\u00fctzung f\u00fcr ihre israelisch-pal\u00e4stinensischen Projekte. Ich erkannte, dass fr\u00fchere Mitglieder von Co-Existence beteiligt waren. Schon deshalb stimmte ich der erbetenen Zusammenarbeit zu.<\/p>\n<p>Gemeinsam bildeten wir israelisch-pal\u00e4stinensische Arbeitsgruppen, in denen Vertreter aus Wirtschaft und Wissenschaft \u00fcber M\u00f6glichkeiten der Zusammenarbeit ausloten und den Regierungen vorschlagen sollten. Sp\u00e4ter w\u00fcrden Vertreter beider Regierungen direkt in die Beratungen eingebunden werden. Beide Seiten stimmten diesen Pl\u00e4nen unter folgender Bedingung zu: Das Ganze m\u00fcsse vertraulich, d. h. ohne Presse, \u00fcber die B\u00fchne gehen.<\/p>\n<p>Die Arbeit dieser KAS-IPCRI-Arbeitsgruppen entwickelte sich so gut, dass wir von beiden Regierungen in der Folgezeit gebeten wurden, \u00fcber Problem x oder y zu reden und gemeinsame Vorschl\u00e4ge zu entwickeln. Wir wurden in Zeiten politischer Stagnation und Gewalt auch w\u00e4hrend der zweiten Intifada als Mediator zwischen beiden Regierungen akzeptiert. Offiziell gab es uns nicht, inoffiziell konnten wir helfen, so manches Problem zugunsten der Menschen zu l\u00f6sen.<\/p>\n<p>Dass Israelis und Pal\u00e4stinenser uns in diesen Jahren diesen Spielraum einr\u00e4umten, hatte zwei Gr\u00fcnde:<\/p>\n<p>Wir waren, so schwer das auch manches Mal war, loyal zu beiden Seiten und waren Garant, dass beide Seiten auf gleicher Augenh\u00f6he miteinander reden konnten. Dadurch wuchs Vertrauen.<\/p>\n<p>Wir verhandelten nicht \u00fcber den Frieden. Das war zu dieser Zeit Sache der Amerikaner. Unsere Arbeitsgruppen waren f\u00fcr die L\u00f6sung von Alltagsproblemen zwischen beiden Seiten zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Im Laufe der Jahre brachten wir mit der \u201eMiddle East Children Association\u201c (MECA) ein israelisch-pal\u00e4stinensisches Lehrerfort-bildungsprogramm und mit der kleinen Israelisch-Jordanischen Handelskammer erste Schritte zu einer Freihandelszone Nahost auf den Weg. Auch hier machten wir die Erfahrung, wie sehr eine deutsche Organisation als Mittler gefragt war.<\/p>\n<p>Im Jahre 1998 feierte Israel und im Jahre 1999 die Bundesrepublik Deutschland ihr 50-j\u00e4hriges Bestehen. Israelische Zeitungen baten mich um einen Gastkommentar zum Stand der deutsch-israelischen Beziehungen. Bisher sprachen die Israelis aller Couleur wegen der Shoa immer noch von besonderen Beziehungen zu Deutschland. Deshalb schieb ich \u201eDie Israelisch-Deutschen Beziehungen sind besonders belastet, besonders sensibel, besonders gut\u201c. Ich war gespannt, ob es Proteste gegen die \u201ebesonders guten Beziehungen\u201c geben w\u00fcrde. Noch heute warte ich auf Kritik. Stattdessen verschwand das Attribut \u201ebesondere Beziehungen zu Deutschland\u201c mehr und mehr aus dem Repertoire israelischer Redner.<\/p>\n<p>Zum 60j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 2009 bescheinigte die Spitze des Staates Israel, Staatspr\u00e4sident, Premierminister und die Sprecherin der Knesset unisono, Deutschland sei nach den USA der zweitbeste bzw. in Europa der beste Freund Israels. Bundeskanzlerin Angela Merkel steht in der Beliebtheitsskala&nbsp;&nbsp; ganz oben, sp\u00e4testens seit ihrer Feststellung: Israels Sicherheit sei deutsche Staatsraison. Besser geht es nicht.<\/p>\n<p>Die Bilanz im deutsch-israelischen Verh\u00e4ltnis f\u00e4llt heute \u00fcberaus positiv aus. Zwischen beiden L\u00e4ndern gibt es \u00fcber 100 kommunale Partnerschaften. So unterh\u00e4lt die Hafenstadt Haifa f\u00fcnf St\u00e4dtepartnerschaften mit den Landeshauptst\u00e4dten Bremen, D\u00fcsseldorf, Erfurt und Mainz sowie mit Mannheim. Wenn auch finanzielle Probleme der Kommunen manches Vorhaben blockieren &#8211; vor allem private Organisationen erm\u00f6glichen regelm\u00e4\u00dfige Begegnungen und Austauschprogramme. Jede israelische Universit\u00e4t pflegt die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit deutschen Hochschulen. An dem renommierten Weizmann-Institut in Rehovot forschen regelm\u00e4\u00dfig um die 30 deutsche Naturwissenschaftler. Die Deutsch-Israelische Juristenvereinigung bringt j\u00e4hrlich mit ihrer israelischen Schwestervereinigung bis zu 300 Juristen aus beiden L\u00e4ndern zu Fachtagungen zusammen. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft und ihre israelische Schwestergesellschaft IDG veranstalten jedes Jahr Begegnungen in Israel und Deutschland. Unterschiedliche Institutionen und Stiftungen f\u00f6rdern den Jugendaustausch in beiden Richtungen.<\/p>\n<p>Die Wirtschaft ist nicht alles, aber ohne Wirtschaft ist alles nichts. Das Handelsvolumen zwischen Deutschland und Israel betrug 1960 \u2013 vor der Aufnahme diplomatischer Beziehungen \u2013 gerade einmal 100 Millionen US-Dollar. Im Jahre 2011 betrug es stolze 6,5 Milliarden US-Dollar. Das bedeutet \u00fcber 52 Jahre ein durchschnittliches, j\u00e4hrliches Wachstum von 9%. Deutschland ist der drittgr\u00f6\u00dfte Handelspartner Israels nach den USA und China. Israel ist der drittgr\u00f6\u00dfte Handelspartner Deutschlands aus der gesamten MENA-Region. Israels Bev\u00f6lkerung wuchs von 700.000 B\u00fcrgern bei der Staatsgr\u00fcndung auf 8,5 Millionen Staatsb\u00fcrger heute. Israel entwickelte sich vom Agrarland 1948 zum High Tech-Land allererster G\u00fcte im Jahre 2015. Trotz aller Krisen und Gewalt im Nahen Osten gilt es als stabiles, demokratisches Land und ist daher nicht nur f\u00fcr die deutsche Wirtschaft von gro\u00dfem Interesse.<\/p>\n<p>Das Ansehen Deutschlands in Israel ist gut. Das beweist auch dieses Beispiel: Junge Israelis gehen nach ihrem langen Wehrdienst gern als Rucksacktouristen auf Reisen. Auf die Frage, welche Hauptstadt sie in der Welt am Liebsten besuchen w\u00fcrden, rangiert seit Jahren die deutsche Hauptstadt Berlin auf Platz eins. 70 Jahre nach der Shoa ist die Wunde zwar nicht voll verheilt, aber sie ist vernarbt. Das hei\u00dft, man muss sorgsam mit den deutsch-israelischen Beziehungen umgehen. Denn eine Narbe bricht leichter auf als eine verheilte Wunde.<\/p>\n<p>Israels Ansehen in Deutschland ist eher durchwachsen. Bei Umfragen wird Israel von der Mehrheit als Kriegsgrund, ja als Kriegsgefahr angesehen. Diese Stimmung wird in Israel zunehmend mit Sorge registriert. Aus israelischer Sicht sind daf\u00fcr drei sehr unterschiedliche Gr\u00fcnde urs\u00e4chlich:<\/p>\n<p>Zum Ersten beklagt man eine als einseitig empfundene Berichterstattung \u00fcber die Ursachen des israelisch-pal\u00e4stinensischen Konfliktes in Europa und auch in Deutschland.<\/p>\n<p>Zum Zweiten sei Europa und mit Abstrichen auch Deutschland nicht bereit, Israel als einzige Demokratie im Nahen Osten und damit als Teil der westlichen Wertegemeinschaft zu akzeptieren. Israelis und Pal\u00e4stinenser w\u00fcrden mit unterschiedlichen moralisch-ethischen Ma\u00dfst\u00e4ben bewertet. Der kleinste Fehler Israels w\u00fcrde lautstark verurteilt, w\u00e4hrend Gewalt in der arabischen Nachbarschaft nach der Methode, \u201edie sind halt so\u201c, entschuldigt werde.<\/p>\n<p>Zum Dritten bef\u00fcrchtet man in Israel, dass der wachsende Einfluss der Moslems in Deutschland und ein opportunistisches Denken gegen\u00fcber deren Forderungen die Distanz zu Israel vergr\u00f6\u00dfern werde. Auch bef\u00fcrchtet man, dass Deutschland die Zunahme antisemitischer Str\u00f6mungen nicht stoppen k\u00f6nne. Auch diese Entwicklung gehe zu Lasten Israels.<\/p>\n<p>Man muss diese Bedenken nicht teilen, ernst nehmen sollte man sie schon. Die Generation, die aus historischen, politischen und moralischen Gr\u00fcnden f\u00fcr das Existenzrecht Israels eintrat, stirbt aus. Unsere Gesellschaft \u00e4ndert sich rasant. Moralische und ethische Grunds\u00e4tze geraten partiell ins Wanken. Dies gilt f\u00fcr viele politische Fragestellungen, aber insbesondere f\u00fcr unsere Position gegen\u00fcber den Juden und dem Staat Israel. Die deutsch-israelischen Beziehungen sind kein Selbstl\u00e4ufer. Auch in Zukunft muss hart daf\u00fcr gearbeitet werden.<\/p>\n<p>Aus Gegnern k\u00f6nnen Freunde werden. Das beweist die deutsch-israelische Freundschaft im Jahre 2015. Allerdings sind m. E. erforderlich<\/p>\n<ol>\n<li>Aufarbeitung der Geschichte, Eingest\u00e4ndnis von Schuld und der Wille zur Wiedergutmachung.<\/li>\n<li>Starke politische F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten, die Ressentiments und die Lust zu kleinkariertem Denken \u00fcberwinden.<\/li>\n<li>Begegnungen, Begegnungen, Begegnungen, Partnerschaften, Partnerschaften, Partnerschaften.<\/li>\n<\/ol>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dr. h.c. 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